Die schwere Pflicht, ein Monster zu sein…

12.10.18

Alte Frau sitzt vor Fernseher mit Fernbedienung in der Hand

Alzheimer ist eine wahrhaft boshafte Krankheit: Sie lässt einem so ziemlich alles vergessen, mit Ausnahme der ungelösten Aufgaben des eigenen Lebens. In Form von unvermuteten Beschuldigungen, Vorwürfen und Beschimpfungen kommen sie wieder hoch und machen den Alltag der Angehörigen zur Hölle.

Die größte Enttäuschung
Johanna war mit ihrer Kraft und ihrer Weisheit am Ende. In einer Selbsthilfegruppe konnten ihr ExpertInnen mit Rat und Tat zur Seite stehen und gaben ihr mehr Sicherheit beim Umgang mit den vielen, krankheitsbedingten Problemen.

An die Vorwürfe, Johanna habe ihren Schmuck gestohlen und sei nur an ihrem Geld interessiert, hatte sie sich schon gewöhnt. Aber als größte Enttäuschung im Leben ihrer Mutter bezeichnet zu werden, tat der Tochter trotzdem furchtbar weh.

Nichts mehr vormachen
Johanna war beruflich in Wien gebunden, telefonierte aber täglich mit ihrer Mutter und auch der Sonntag war für sie reserviert. Die Altersvergesslichkeit wurde hingenommen und das wachsende Chaos in Haus & Garten mit einer „schlechten Phase“ begründet.

Schlimmer zu ertragen war der Telefonterror. Die liebe Not brach beispielsweise aus, als Mama dann mit den Fernbedienungen des Fernsehers total überfordert war. Egal ob beim Frühstück, im Büro oder im Theater: Mama rief täglich mindestens zehn Mal an. Zu Silvester versuchte sie, eine alte Stehlampe zu reparieren und löste damit einen Stromausfall aus. Johanna wollte sich nicht vorstellen, was ihrer Mutter oder auch anderen hätte passieren können!

Ich kümmere mich
Trotz der Drohungen der Mutter, sie würde sich umbringen, trotz böser Vorhaltungen seitens der Nachbarn, ein Monster zu sein, und trotz der eigenen Zweifel, machte die Tochter das Richtige: Ihre Mutter lebt nun gut umsorgt und vor allem sicher in einem Altenwohnheim.

Manchmal gelingt es ihr zwar zu entwischen und bei der Polizei ist sie schon als „Frau, die gerne auf ein Eis geht“ bekannt. Aber: „Das Schlimmste habe ich hinter mir“, meint Johanna. „Heute genieße ich die Sonntage mit meiner Mutter, mache keinen Plan und schau, was uns der Tag gemeinsam bringt!“

 

TIPP: Würde und Wertschätzung

Würde und Wertschätzung sind Johanna sehr wichtig. Trotz der Krankheit bietet sie ihrer Mama Möglichkeiten, selber zu entscheiden.

Beim Anziehen ist es die weiße Bluse oder der blaue Pulli, im Café das Eis oder die Mehlspeise. Am Sonntag packt sie etwas Geld in die Handtasche ihrer Mama.

Das gibt ihr die Möglichkeit, die Tochter einzuladen. Am liebsten auf ein Schokoladeeis. Wenn sie es möchte, auch mit Schlag!

 

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Teil 3 der Serie Demenz