Auch wir waren Flüchtlinge!

20.11.15

Mirsada Tutic, Leiterin der Grünen Etage im Haus Schönbrunn, erzählt von der Flucht aus Ihrer Heimat Bosnien

HausbewohnerInnen und MitarbeiterInnen erzählen aus ihrem Leben. Heute: Mirsada Tutic, Leiterin der Grünen Etage im Caritas Haus Schönbrunn.

Mirsada Tutic, Leiterin der Grünen Etage im Caritas Haus Schönbrunn, erzählt von ihrem langen Weg aus Bosnien in ihre neue Heimat. "Ich wurde in Bosnien geboren und bin in Klisa aufgewachsen - ein Dorf, das heute in Ostbosnien an der Grenze zu Serbien liegt. Ich bin die älteste von vier Schwestern. Wir hatten ein Haus mit Garten, wie man halt am Land gelebt hat", beschreibt sie ihr Leben als Mädchen.

In einer nahen Stadt absolvierte sie die Krankenpflegeschule, die sie 1989 mit Matura abschloss. Im gleichen Jahr ging sie im Oktober nach Sarajevo, wo sie zwei Jahre lang Jus studierte und ihren späteren Mann kennen lernte. Das Studium musste sie wegen des Krieges abbrechen.

Trauer und Kriegsausbruch

Ein erster großer Schock war, als der Vater 1991 starb, und die Mutter mit vier Töchtern allein dastand. Für ihre erst 38-jährige Mutter war das ein "Weltuntergang". Zu dieser Zeit begann der Krieg in Slowenien. Die Ängste vor dem Krieg rückten die Trauer über den Tod ihres Vaters in den Hintergrund.

"Das Schlimmste ist die Ungewissheit"

Nach dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. März 1992 sprachen in Sarajevo alle Menschen über den drohenden Krieg, gleichzeitig wollte man nicht glauben, dass es so weit kommen würde. Das Schlimmste sei die Ungewissheit gewesen, so die Stationsleiterin. Die "normale" Bevölkerung sei wie früher miteinander umgegangen, sie selber habe serbische Freundinnen gehabt.

Als sie nach dem Referendum im April 1992 nach Hause fuhr, wusste sie nicht, ob sie je nach Sarajevo zurückkehren würde. Da der Krieg im Osten begann, zählte Klisa zu den ersten Dörfern, die betroffen waren. Bereits nach einer Woche wurden die Telefone gekappt, um "keine Kommunikation nach außen" mehr zu ermöglichen. "Da erfährst du nicht mehr, was rundherum passiert." Schließlich musste die Familie das Haus verlassen, weil es in der Nacht zu unsicher wurde. Sie kamen bei Verwandten in einem anderen Ortsteil unter. Es wurde geschossen und es gab erste Verletzte. Auf den umliegenden Hügeln sah man, wenn Dörfer gebrannt hatten.

Von Zuhause vertrieben

Ende Mai 1992 begannen die systematischen Vertreibungen. Wer geblieben war, "den gibt es heute nicht mehr, der wurde umgebracht." Die Situation damals nennt sie "einen Wahnsinn". Frauen mit Kindern lagerten auf den Straßen. Kurze Zeit später mussten alle das Dorf verlassen und in eine andere Ortschaft, wo alle auf einem Sportplatz zusammen getrieben wurden. Männer, 13-, 14-jährige Burschen und über 70-jährige Männer wurden von Frauen und Kindern separiert, in Lastwägen gezerrt und weggebracht. Einige von ihnen wurden gleich erschossen. In weiteren LKWs wurden Frauen und Kinder in die Nähe von Tuzla gebracht. Dort wurden Mädchen und jüngere Frauen wieder von den älteren getrennt.

"Wir hatten einen Schutzengel"

Zu den jüngeren Frauen gehörte Mirsada, mit ihren Schwestern und ihrer Mutter fand sie in einer Volksschule Zuflucht. "Wir haben wirklich Glück gehabt, dass uns nichts passiert ist", sagt Mirsada. "Alle Frauen, die vor uns und nach uns gekommen sind, wurden vergewaltigt und wer weiß wie lange festgehalten." Sie sagt, dass einer der Soldaten für sie persönlich und ihre Familie "wie ein Schutzengel" war.

Der weitere Weg führte nach Tuzla in eine Schule, wo ein Turnsaal für die Flüchtenden bereitgestellt war. "Keine Matratzen, sondern nur eine dünne Decke auf dem Parkettboden" gab es dort. Man lag in einem Raum mit hundert anderen Menschen. "Zumindest hast du dich dort sicher gefühlt", meint Mirsada. Anfangs gab es noch Mittag- und Abendessen, später nur noch Mittags gekochte Makkaroni. Vorübergehend hatte Mirsada über einen Bekannten die Möglichkeit erhalten, in einer anderen Stadt in einem Feldspital zu arbeiten.

"Das Warten war zermürbend - man verblödet dabei"

Flucht nach Österreich und Neubeginn

1994, als noch kein Ende des Krieges abzusehen war, begannen die Zustände zermürbend zu werden. "Du weißt nicht mehr, was du tun sollst! Du verblödest, es gibt keinen Strom, es gibt kein Wasser, oder du kriegst Strom erst um Mitternacht." Sie traf endlich die Entscheidung zur Flucht nach Österreich - allein. Der Weg führte sie über Kroatien nach Österreich, wo sie in der Pfarre Hernals Aufnahme fand. Erst im Mai 1995 konnte sie sich in Wien anmelden, wo sie ihre Ausbildungsunterlagen eingereicht hatte und einen weiteren Deutschkurs absolvierte. Dort lernte sie jemand kennen, der wiederum jemanden bei der Caritas kannte. Schließlich ging alles sehr schnell, am 25. Oktober 1995 begann sie im Caritas Haus Schönbrunn als Krankenschwester zu arbeiten.

"Ich hatten nie vor meine Heimat zu verlassen"

Es dauerte noch Jahre, bis sie sich heimisch fühlte, denn sie hatte keine Freunde, das Essen schmeckte nicht, nichts war hier interessant, denn nie in ihrem Leben hatte sie vorgehabt, ihre Heimat zu verlassen. Im Winter 1998 konnte Mirsada endlich ihren langjährigen Freund heiraten, der erst ein Jahr nach der Geburt der ersten Tochter im Jahr 2000 ein Aufenthaltsvisum erhalten hatte. Mittlerweile ist Österreich für Mirsada und ihre Familie zur zweiten Heimat geworden.